Votivtafeln in Maria Ramersdorf

Bis zur Säkularisation waren die Mauern von Maria Ramersdorf wohl voll von großen und kleinen Votivtafeln, die von Menschen verschiedener Epochen gestiftet wurden - aus Dank für ihre Rettung aus den unterschiedlichsten Gefahren oder als Dank für die Erhörung eines persönlichen Gebets. Im Jahr 1803 wurden fast alle Votivbilder beschlagnahmt und verbrannt - Berichten aus dieser Zeit zufolge füllten die Bilder fünf Wagenladungen. Neben einem kleineren Gemälde aus dem Jahr 1693 überlebten diese Aktion nur die drei großen Votivtafeln im Altarraum.

Votivtafel der Schwedengeiseln
Die älteste, zugleich größte und prunkvollste von ihnen ist die der Schwedengeiseln. Als der Schwedenkönig Gustav Adolf im Mai 1632, also während des Dreißigjährigen Krieges, mit seinem Heer vor München stand, bot man ihm die kampflose Übergabe der Stadt an. Diese nahm er an und erklärte sich dazu bereit, die Stadt gegen eine Zahlung von 300000 Reichstalern vor der Plünderung und Zerstörung zu verschonen. Weil die Stadt nicht annähernd so viel Geld aufbringen konnte, musste sie letztlich 42 Geiseln (22 geistlichen und 20 weltlichen Standes) als Bürgschaft stellen, die in das von den Schweden besetzte Augsburg gebracht wurden. Dort gelobten sie, bei heiler Rückkehr nach München, zu einer Marienkirche in der Umgebung Münchens zu wallfahrten. Kurz nach diesem Gelöbnis wurde der Augsburger Stadtmaler Johann Kager mit der Erstellung der Votivtafel beauftragt. Nachdem die Schweden 1635 in Augsburg kapitulierten, konnten von 42 Geiseln noch 36 nach München zurückkehren. Vier waren an den Strapazen gestorben, ein Geistlicher zum Luthertum übergetreten und eine weltlicher Gefangener desertiert. Noch im selben Monat ihrer Rückkunft erfüllten die Verbliebenen ihr Versprechen und brachten die Votivtafel in Maria Ramersdorf an.
Auf dem Bild knien unter der von Engeln umgebenen Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind im Arm 40 der Geiseln. Die in Gefangenschaft Verstorbenen sind mit abgebildet, nicht aber der Deserteur und der Konvertit. Unten sind jedoch die Namen und Orden bzw. Berufe aller 42 Geiseln aufgeführt.
Zwischen Bild und Namens steht der Grund des Gelöbnisses geschrieben:

Siehe an o Mutter der Barmherzigkeit, der Welt Hoffnung, Beschützerin der Unschuldigen, aller Betrübten Nothhelferin, deine verpflichteten Diener und Pflege-Kinder! Vierzig Geiseln fallen Dir zu Füßen die aus Erbarmniß deß leidigen Unterganges so der Churfl. Hauptstadt München Gustavus Adolphus der Schweden-König Ao. 1632 angedrohet, sich für das Vaterland aufgeopfert, die liebe Freiheit in die Schantz geschlagen in das Elend hinausgezogen und drei ganze Jahre weniger 2 Monate, als arme Gefangen damit ganz mühseelig verlaßen. Haben zu Augsburg, Donauwörth und Nördlingen gleich als im Nothfall eingepfrengt, unzählbare Drangsaalen ausgestanden, der dreifachen Ruthen Gottes als Pest Krieg und Hungersnoth stetts unterworffen, sind darnach unter Deinen Mantel und Schutz hindurch kom[m]en. Du hast sie in Gefängniß und eisernen Banden gestärkt, in Hunger gespeist, in äußerster Gefahr ihre Hoffnung, in Verschmachtung ihre Beständigkeit aufgemuntert, in Verweilung menschlicher Hilfe ihnen Deine Hand gebotten und die Schoos deiner Barmherzigkeit für die Freijung eingegeben. Schreiben es also Dir nach Gott einzig und allein zu, daß sie den Tod entron[n]en und aus den ganz Hauffen nur 4 verlohren. Daß sie leben und athmen und des Vaterlandes wiederum ansichtig wurden, ist eine purre, lauttere Gnad von Dir. Ach erhalte sie bei so unverhofften Wohlstande, laße sie vor alle Welt aufstehen und bezeuge, daß in deinen Diensten und Gnaden Niemand verlohren werde!
Münchener Geiselschaft, Ehrenwerk und Uhrkund Anno 1635.

Votivtafel der Österreichergeiseln
Rund einhundert später kam es zu einem ähnlichen Vorfall wie dem der Schwedengeiseln. 1712 ergab sich München den habsburgischen Truppen im österreichischen Erbfolgekrieg. Als diese wieder abzogen, verschleppten sie 20 hochrangige Hofbeamte und Bürger, darunter zwei Geistliche, über Linz nach Graz - als Geiseln zur Absicherung gegen Rebellion. Zwei der Geiseln verstarben (mit Kreuz auf dem Gemälde gekennzeichnet), die übrigen konnten 1743 nach München zurückkehren. Dort stifteten sie - entsprechend ihres Gelöbnisses während der Geiselhaft - ein "Lob- und Dankamt" in Maria Ramersdorf sowie eine Votivtafel.
Auf dieser sind die 20 Geiseln, in einem Chorgestühl kniend, der Gottesmutter Maria mit ihrem Sohn (in Gestald des Ramersdorfer Gnadenbildes) danken. Darunter sind ebenfalls ihre Namen und Berufe festgehalten. Der Text über dem Gemälde lautet:

Von denen hinach Specificierten 20 Personen, welche von der Kaisl. Residenz-Stadt München den 6ten Ocktober An. 1742 beim Abmarsch der feindlich Oesterreich und Hungar Völker Nachtszeit in den Häusertn ausgehebt, folglich als Geiseln abweg und nach Linz, endlich aber auf Gratz gefänglich geführet worden, die dan wie sie es in damahligen gefährlichen Zeitläufen und mißlichen Umständen verlobt, in gegenwärtigen Gotteshaus Ramersdorf der gebenedeijtesten, jungfräulichen Mutter Gottes ein Lob und Dank-Amt halten, auch die Tafel malen und hieher aufhangen laßen, weil durch dero Vorbilt, die Herren Geiseln bis auf einzige zwei, so zu Gratz verstorben, nach dreivierteljährig ausgestandener hart und betrübtester Gefangenschaft, beim Leben erhalten worde und glücklich wieder zurück kommen sind. Darum nach Gott die Himmels-Königin in Ewigkeit gepriesen sein solle.

Votivtafel der Münchner Loderer
Die wichtigste Votivtafel für Maria Ramersdorf ist sicherlich das Dank- und Gedenkbild der Münchner Loderer (=Tuchmacher). 1683 wurde Wien von den Türken belagert, was auch als Bedrohung für das gesamte Heilige Römische Reich deutscher Nation galt, da Wien strategisch bedeutend war als "Tor zu Westeuropa". Sieben Münchner Bürger versprachen deshalb, einen "Frauendreißiger" einzuführen, wenn die sogenannte Türkengefahr durch den Beistand der Gottesmutter Maria abgewendet würde. Dies geschah auch am 12. September 1683 (Papst Innozenz XI. setzte daraufhin das Fest Mariä Namen an diesem Tag ein). So entstand der Frauendreißiger, den wir in Maria Ramersdorf bis heute jährlich von Mariä Himmelfahrt (15. August) bis zum Fest Kreuzerhöhung (14. September) begehen.
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Gelöbnisses der sieben Münchner Loderer wurde eine große Votivtafel in Maria Ramersdorf aufgehängt. Sie zeigt sieben festlich gekleidete, betende Männer unter dem Gnadenbild. Maria thront dabei im barocken "Gnadenröckl" mit dem Jesuskind im Arm über der Ramersdorfer Kirche. Über dem Bild im Goldrahmen steht geschrieben: In me omnis spes vitae (Auf mir [=Maria] ruht alle Hoffnung der Lebenden). Die Inschrift unter der Tafel lautet:

Niemahls fehlet die zu Maria gesetzte Hoffnung. Solches bezeuget eine durch sieben Bürger und Loderer von München zu Ehren Marien aufgerichtete Verbündniß. An. 1683 als der Türk Wien belagerte, der ganzen Christenheit den gänzlichen Untergang androhete. Um das Vaterland vor bevorstehenden Unheil zu befreien, haben sie am Fest Maria Him[m]elfahrt, wie auch alle Son[n] u. Feiertage den Dreißigst hindurch eine hl. Messe jährlich lesen zu laßen in den lobwürdigen Gotteshaus allhier zu Ramersdorf die Verbündniß angefangen, wie dan[n] weil sie im[m]er zunim[m]t zu Ehren Maria u. ewigen Angedenken diese Tafel verfertigen laßen,
den 15. August Anno 1733.

[Quelle: Altmann, Lothar, Älteste Marienwallfahrtsstätte im Großraum München, in: Altmann, Lothar / Steidle, Martina, Maria Ramersdorf: Älteste Marienwallfahrtsstätte im Großraum München, hrsg. v. Kath. Pfarramt Maria Ramersdorf, Lindenberg i. Allg. 2018, S. 38-41.]