Ramersdorfer Kreuzaltar

Nach dem Hochaltar mit marianischem Gnadenbild könnte man den Kreuzaltar sicherlich als zweitwichtigste Sehenswürdigkeit bezeichnen.
Kreuzaltar
(c) Markus Schnabel

Geschichte
Der Kreuzaltar wurde um 1482 höchstwahrscheinlich von Erasmus Grasser geschaffen. Er war ursprünglich vermutlich mittig vor dem Altarraum aufgestellt und diente wohl von Anfang an zur Aufbewahrung des Ramersdorfer Kreuzpartikels. Im 17. Jahrundert wurde der originale Altaraufbau mit Predella (=Unterbau des Altars) und Gesprenge (=Zieraufsatz des Altars) entfernt, sodass heute die einstige Pracht und Größe des gotischen Flügelaltars nur noch zu erahnen sind.

Altarschrein
Der Schrein des Altars wird vom Kreuz in seinem Zentrum, an dem der bereits gen Himmel entrückte Christus hängt, dominiert. Die Figuren unter dem Kreuz (im Hochrelief) dagegen sind sozusagen erdgebunden.
Links stehen Johannes, dem Jesus noch kurz vor seinem Tod Maria zur Mutter gegeben hatte (vgl. Joh, 19,25-27), und vier trauende Frauen, darunter die in Ohnmacht sinkende Muttergottes, die von zwei Frauen und vom "Lieblingsjünger" Johannes aufgefangen wird. Die beiden Männer dahinter (einer davon könnte Josef von Arimathäa sein) verweisen auf die Szene im Hintergrund: Christi Grablegung. Rechts des Kreuzes stehen offenbar an der Kreuzigung beteiligte (mit Waffen) sowie der Hauptmann (mit Lanze), der bekennt: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn" (Mk, 15,39). Der Hintergrund bietet einen gemalten Blick auf die Stadt Jerusalem, der Menschenmassen zu-/entströmen.

Relieftafeln
Im geöffneten Zustand zeigen links und rechts des Schreins insgesamt vier Relieftafeln weitere Szenen aus Jesu Leidensweg (im Uhrzeigersinn).
Links oben stärkt ein Engel den vor seiner Passion stehenden, betenden Christus (ganz in rot gekleidet) im Garten Getsemani am Ölberg, während zu seiner Linken drei Jünger schlafen und im Hintergrund schon die herannahenden Häscher zu sehen sind (vgl. Mt 26,36-46 parr.).
Rechts oben ist das Verhör Jesu durch den Hohepriester Kajaphas dargestellt (vgl. Mt 26,57-68 parr.).
Rechts unten wird die Verurteilung von Jesus durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus, der sich seine Hände in Unschuld waschen wird (vgl. Mt 27,11-26 parr.), gezeigt.
Die Szene links unten stellt die Geißelung des nun nur noch mit einem Lendenschurz bekleideten Jesus dar (vgl. Mk 15,15 parr.).

Tafelgemälde
Sind die Flügel des Kreuzaltars geeschlossen, blickt man auf vier gotische Tafelgemälde, die - ebenfalls im Uhrzeigersinn - die Geschichte des Kreuzpartikels und seiner Stiftung an Maria Ramersdorf erzählen. Dabei sind sicherlich nicht die exakten historischen Tatsachen dargestellt, sondern vielmehr Legenden, die allenfalls aufgrund von tatsächlichen Ereignissen entstanden sind.
Links oben beginnt der Gemäldezyklus mit der Überreichung des Brustkreuzes (=Pektorale) mit dem Kreuzsplitter durch einen Papst Johannes an den vor ihm knienden Kaiser Ludwig (lt. Inschrift). Dies scheint kaum möglich, da Johannes XXII., der zu dieser Zeit das Pontifikat innehatte, ein erbitterter Gegner Kaiser Ludwigs IV. war und diesen 1324 sogar exkommunizierte. Wahrscheinlicher ist demnach, dass der 1328-30 regierende Gegenpapst Nikolaus V., dem Ludwig selbst zu diesem Titel verholfen hatte, ihm das Pektorale schenkte. Um die Schenkung in keinem schlechten Licht dastehen zu lassen, setzte der Maler hier den rechtmäßigen Papst an die Stelle des Gegenpapstes.
Auf der rechten oberen Tafel übergibt der Kaiser laut Inschrift im Angesicht des Todes seinem nicht namentlich genannten Sohn das Brustkreuz. Auch diese Szene kann sich so nicht ereignet haben, da Ludwig IV. völlig unvorhergesehen auf einem Jagdausflug starb.
Rechts unten ist dieser Sohn des Kaiser per Schiff auf der Flucht vor einem Sarazenenüberfall. Der Legende nach soll er gelobt haben, den Kreuzpartikel an Maria Ramersdorf zu stiften, wenn er die Flucht heil überstehe.
Die linke untere Tafel thematisiert schließlich die Einlösung dieses Gelöbnisses und nennt Markgraf Ludwig als Stifter. Auch dieses Detail ist historisch wohl nicht haltbar. Dies hat verschiedene Gründe, die Sie im Ramersdorfer Kirchenführer nachlesen können. Er ist am Schriftenstand in der Kirche und auch im Pfarrbüro oder bei Devotionalienverkäufen erhältlich.


[Quelle: Altmann, Lothar, Älteste Marienwallfahrtsstätte im Großraum München, in: Altmann, Lothar / Steidle, Martina, Maria Ramersdorf: Älteste Marienwallfahrtsstätte im Großraum München, hrsg. v. Kath. Pfarramt Maria Ramersdorf, Lindenberg i. Allg. 2018, S. 18-26.]